Famulaturbericht 2010

Witten 03.September 2010

für das zahnmedizinsiche Hilfprojekt in Myanmar in der Zeit vom 28.07.2010 bis 25.08.2010

Die Organisation und die ersten Tage

Nach über einem halben Jahr Vorbereitung, zahllosen Telefonaten, Gesprächen, E-mails und einer wunderschönen Charityveranstaltung in Aachen hatten wir am 28.07.2010 alles zusammen, um weitestgehend autark zahnmedizinische Behandlungen in einem Entwicklungsland durchführen zu können. Dank unserer Sponsoren waren neben einer Mobilen Dentalen Behandlungseinheit (MDB) der Firma Acteon-Satelec, zahnmedi-zinische Füllungswerkstoffe, Lokalanästhetika, Hygieneartikel, Schleifer, Extraktions-instrumentarium zahlreich vorhanden und mussten nur noch transportiert werden und unversehrt in Myanmar ankommen.

Am Schalter der Fluglinie Thai Airways mussten wir feststellen, dass unser bereits gesponsertes Freikontingent von 100 kg weit überschritten wurde. Thai Airways war aber auch in dieser Situation sehr großzügig und nahm das Mehrgewicht kostenlos entgegen. Die MDB haben wir natürlich als Handgepäck transportiert. Das Risiko einer Beschädigung im Frachtraum war viel zu hoch.

Nach einem 11-stündigen Flug erreichten wir Bangkok. Da unser Anschlussflug nach Yangon, der Hauptstadt von Myanmar, schon 45 Minuten später abfliegen sollte, mussten wir uns sehr beeilen. Zum Glück wurde unser Gepäck automatisch in das Flugzeug nach Yangon weiterverladen.

Als wir im Flieger nach Yangon saßen, stieg die Anspannung und wir mussten ein Einreisedokument ausfüllen, auf dem wir die Gründe für unseren Aufenthalt und detaillierte persönliche Daten angeben mussten. Natürlich waren wir aufgeregt, weil wir eine Menge an zahnmedizinischem Equipment in das Land einführen wollten und uns bis zur letzten Minute keiner eine vernünftige Auskunft darüber geben konnte, was eingeführt werden darf und was nicht.

Bei der Ankunft in Yangon ging alles recht schnell, unser schon in Deutschland beantragtes und genehmigtes Visum wurde akzeptiert und wir konnten uns auf den Weg zur Gepäckausgabe machen.

Das Gepäck hatte die lange Reise recht gut überstanden. Lediglich ein paar Kartons waren aufgerissen. Aber alles war vollzählig. Nun kam der große Moment und wir bewegten uns in Richtung Zoll-Kontrolle. Wie zu erwarten wurden wir sofort von einem Beamten freundlich zur Seite gerufen. Aufgrund der Vielzahl unserer Gepäck-stücke fielen wir sofort auf und hatten die Neugier des Zollbeamten geweckt. Der Beamte war sehr nett und wollte wissen, wo wir herkommen und warum wir denn soviel Gepäck dabei hätten. Deutschland fand er super, aber die Erklärung warum wir soviel Gepäck dabei hatten wollte er nicht akzeptieren. Unsere Aufregung stieg als er das Päckchen mit dem Lokalanästhetikum in den Händen hielt. Er öffnete es aber nicht. Nach einer langen Diskussion und einem, nun ja – nennen wir es einem „Geschenk“ für die Zöllner, konnten wir mit einem Paket Zahnbürsten weniger den Zollbereich mit dem vollständigen Equipment verlassen.

Da wir leider nicht, wie versprochen, vom Flughafen abgeholt wurden, mussten wir auf eigene Faust unsere Ansprechpartner der Amara Foundation aufsuchen. Eine Odyssee durch Yangon´s Townships zeigte uns schnell, was uns in den nächsten Wochen zu erwarten hat.

Am Büro eingetroffen wurde uns die „Amaraklinik“ gezeigt, in der wir die letzten Tage unseres Aufenthaltes behandeln sollten. Eine langgezogene Baracke mitten im Township Mingalabore umgeben von verfallenen Hütten und unglaublicher Armut. Da eine Arbeitserlaubnis für Yangon noch nicht vorlag, wurden unsere Einsätze in die Mitte Myanmars, flussaufwärts des Irrawady, geplant. So sollte unsere erste Station Bagan, der Ort mit weit über 2000 Pagoden sein. Da auch hier die Arbeitserlaubnis nicht erwirkt werden konnte, blieben wir 2 Tage, nutzen die Gelegenheit die Sehenswürdigkeiten zu erforschen und machten uns dann mit einem Bus auf eine 12-stündige Fahrt quer durch Myanmars Mitte, von West nach Ost zum Inlaysee.

Hier angekommen erwartete uns wieder die gleiche Informationen, dass zwar alles bereit sei, aber der Ortskommandant eine Erlaubnis aufgrund der zu erwartenden Wahlen nicht erteilen möchte. Dies hieß für uns, dass wir wieder 2 Tage zur Untätigkeit bzw. zum Sightseeing verdammt waren.

 

Die Behandlungen

Unsere nächsten Station war das 15.000 Seelen Bergdorf Kalaw. Eine Arbeitserlaubnis lag vor und somit konnten wir in einer für uns geräumten Gaststätte mit der ersten Säule unseres Einsatzes, den Behandlungen starten. Im Behandlungsraum erwarteten uns fünf nebeneinander aufgestellte Liegestühle, zwei Kocher für die Instrumentensterilisation und unser vollständiges Gepäck neben einer langen Schlange wartender Patienten. Unterstützt, beaufsichtigt und manchmal sehr lehrreich unter-wiesen wurden wir von einem burme-sischen Zahnärzte-Team. Man kann es sich schwer vorstellen, aber die Behandlungsstühle waren wirklich Gartenstühle und das Spuckbecken ein Bambusmülleimer mit einem Müll-sack. Die Assistenz wurde meist von Büroangestellten, Putzkräften oder Hotela ngestellten übernommen. Die Ärzte versuchten uns in den ersten Tagen soviel wie möglich über das Extrahieren von Zähnen beizubringen. Es stellte sich mit der Zeit heraus, dass den meisten Patienten in Myanmar leider nur noch mit Extraktionen geholfen werden konnte. Da wir jedoch unsere MDB dabei hatten, verlagerte sich von Mal zu Mal der Schwerpunkt von den Extraktionen in Richtung der konservierenden Zahnmedizin, sprich den Füllungen. Die Maschine lief dabei auf Hochtouren und nach einer vernünftigen Einweisung konnten auch die burmesischen Zahnärzte mit der Einheit arbeiten. Aufgrund des gesponserten Füllungskunststoffes der Firmen Hereaus und 3M Espe war es möglich neben zahnfarbenen Seitenzahnfüllungen, zum Teil sehr komplizierte Frontzahnrestau-rationen vornehmen zu können und den Menschen ihr Lächeln wiederzugeben.

Sämtliche Behandlungsmaß-nahmen fanden selbstver-ständlich unter örtlicher Betäu-bun g und immer unter der medizinischen Betreuung einer Allgemeinärztin statt.

 

Die Waisenhäuser

Um der zweiten Säule unseres Einsatzes, der Prävention gerecht zu werden, hatten wir im Vorfeld unser Kommen den Betreuern der von der Myanmar Foundation geförderten Waisenhäuser angekündigt.

Diese Arbeit lag uns besonders am Herzen, da wir durch unsere Ausbildung an der UW/H vermittelt bekommen haben, dass die Präventionsarbeit eine sehr wichtige Säule in der Zahnmedizin darstellt.

Während unseres Aufent-haltes in Yangon erwartete uns bereits Herr Moe, der uns eine Woche lang täg-lich zu einem neuen Wai-senhaus brachte.

Hierfür hatten wir uns ein Programm überlegt, in welchem wir den Kindern spielerisch die Zahnputz-technik beibringen konnten und Ihnen gleichzeitig hal-fen, zahnfreundliches von zahnunfreundlichem Essen zu unterscheiden. Eine gute und witzige Hilfe war hierbei eine Krokodilhandpuppe Joe mit großen Zähnen. Joe zeigte den Kindern, die aus einer Auswahl gesunder und ungesunder Nahrungsmittel wählen konnten, was er mag und was er seinen Zähnen lieber nicht antuen wollte. Hierfür hatten wir auf den Straßenmärkten Yangon´s zahlreiche Süßig-keiten und eine Unmenge von Gemüse gekauft. Danach erklärten wir mit Joes Hilfe, wie man sich die Zähne richtig putzt.

Aus dem in Deutschland ver-wandten System„Kai“ (Kaufläche – Außen – Innen) haben wir das System „TOI“ (Top of the tooth – Outside – Inside) gemacht. Nach der theoretischen Unterweisung der Kinder musste natürlich zur Tat geschritten werden und gemeinsam das Zähneputzen geübt werden.

Dafür hatten wir aus Deutschland eine Vielzahl von Zahnbür sten der Firma Colgate mitgenommen, so dass jedes Kind von uns eine Zahnbürste erhielt. Da nicht immer ein ausreichend großes Bad zur Verfügung stand, wurde so manche Zahnputzstunde zu einer Kleckerei, die von lautem Lachen und Gekicher begleitet wurde.

Unser Fazit

Wir hatten trotz anfänglicher Schwierigkeiten bezüglich der Arbeitserlaubnis und politischer  Probleme, die Möglichkeit wirklich helfen zu können. Mit über 140 Kindern aus Waisenhäusern konnten wir gemeinsam die Grundlagen der Präventiven Zahnmedizin trainieren.

Insgesamt haben wir als Team mehr als 700 Patienten behandelt. Durch unsere Arbeiten und das Vorführen unserer Behand-lungstechniken haben wir die Mög-lichkeit geschaffen, die Extraktionsrate zu Gunsten der zahner-haltenden Maßnahmen zu reduzieren. Die Mobile Dentale Behandlungseinheit und sämtliche Mater ialien wurden aus diesem Grund in Abstimmung mit der Myanmar Foundation und dem uns vor Ort zur Seite stehen-den Prof.Paing Soe, der burmesischen Zahn-ärztin Dr. Mya Nandar über-geben.

Das Land Myanmar hat uns oft, meist täglich, schwer zu schaffen gemacht. Waren es die Lebensumstände der Bewohner, die entsetzlichen Anblicke tief zerstörter Kin-derzähne, der Ärger über Misswirtschaften, Korruption und persönlicher Vorteilsnahmen, so hat uns ein kariesfreies und schmerzbefreites Lächeln für so Vieles entschädigen können und in uns den Wunsch geschaffen weiterzumachen.

 

Und so soll es weitergehen…

Durch intensive Gespräche mit Prof. Paing Soe konnten wir die Genehmigung für Dr. Mya Nandar erwirken, dass Sie im nächsten Jahr Deutschland besuchen darf. Hier soll und möchte sie ihr zahnmedizinisches Wissen erweitern, um in ihrem Land dieses weitergeben zu können. Zahnmedizinische Einsätze wird es natürlich ebenfalls geben, wenn Sie, unsere Sponsoren dieses Projekt weiter unterstützen wollen. Die Pläne sehen für das nächste Jahr jedoch ein wenig anders aus. Unter der Leitung und Koordination und in Abstimmung mit Pr of. Paing Soe werden die Teams landesweit in die Waisenhäuser gehen, unterrichten, trainieren und danach die notwendigen zahnmedizinischen Behandlungen durchführen.

 

Wir bedanken uns nochmals recht herzlich und ausdrücklich bei Ihnen, unseren Sponsoren. Ohne Ihre Unterstützung wäre dieses Projekt niemals möglich und hätte nicht

in diesem Umfang und mit dieser Initialzündungswirkung durchgeführt werden können.

 

Felix Käpernick und Mathias Benedix

mathias.benedix@uni-wh.de

felix.käpernick@uni-wh.de

Studenten der Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke

Alfred-Herrhausen-Str. 50

58453 Witten

 

Wir bedanken uns bei…

Der Universität Witten/ Herdecke

 

– Prof. Dr. med. dent. Stefan Zimmer

– Prof. Dr. med. dent. Jochen Jackowski

– Prof. Dr. med. Wolfgang Arnold

– Prof. Dr. med. dent. Hans Joachim Jöhren

– OA Dirsch

– OA Dr. med. dent. Andreas Jordan

–  OA Dr. med. dent. Ljubisa Markovic

 

Sen-Sibel Team

 

– Klaus Maaßen

– Dac Van Nguyen & Sen Team

– Markus Daun

– Anna Daun

– Melanie Bien

–  Sascha Bien

 

Unseren Sponsoren

 

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Der Famulaturbericht vom Jahr 2010 steht Ihnen über folgenden Link als PDF-Version zur Verfügung.

Famulaturbericht 2010

Eindrücke von der Zusammenarbeit mit Dr. Mya Nandar und dem Zahnmedizinischen Hilfsprojekt finden Sie hier.

Fotografische Eindrücke Dr. Mya Nandar